Barrierefrei heißt nicht hässlich – 2 Beispiele aus meiner Praxis
Wie möchtest du mit 70, 80 oder 90 Jahren wohnen?
Vielleicht denkst du jetzt: Darüber muss ich mir heute doch noch keine Gedanken machen. Ich fühle mich fit, ich komme in meinem Haus oder meiner Wohnung wunderbar zurecht und möchte daran auch gar nichts ändern.
Das kann ich gut verstehen. Und trotzdem erlebe ich in meinem Beruf immer wieder Situationen, die mir zeigen, wie wichtig es ist, sich frühzeitig mit dieser Frage zu beschäftigen.
Denn solange wir gesund und selbstständig sind, haben wir die Wahl. Wir können überlegen, verschiedene Möglichkeiten anschauen und in Ruhe entscheiden.
Wenn aber plötzlich die Gesundheit nicht mehr mitspielt, kann aus einer freiwilligen Entscheidung sehr schnell eine Entscheidung werden, die andere Umstände für uns treffen.
Ein wunderschönes Zuhause – und plötzlich geht es nicht mehr
Vor Kurzem habe ich genau das bei einer Kundin erlebt, die ich schon sehr lange kenne.
Sie ist 86 Jahre alt und lebte in einem wunderschönen, großzügigen Haus mit großem Garten und Swimmingpool. Ein Zuhause, in dem sie Jahrzehnte verbracht hat und mit dem unzählige Erinnerungen verbunden sind.
Ihre Kinder, ihr inzwischen verstorbener Mann, gemeinsame Erlebnisse – ein solches Haus ist schließlich viel mehr als eine Immobilie. Es ist ein Stück der eigenen Lebensgeschichte.
Für meine Kundin war deshalb immer klar: Hier ziehe ich nicht aus.
Doch dann stürzte sie in ihrem Haus und musste ins Krankenhaus. Sie brauchte anschließend Unterstützung und Pflege. Nach weiteren gesundheitlichen Problemen wurde schließlich klar: Eine Rückkehr in ihr geliebtes Zuhause würde nicht mehr möglich sein.
Sie fand zwar eine sehr schöne Seniorenresidenz und bekam dort eine Zweizimmerwohnung. Trotzdem habe ich in unseren Gesprächen gespürt, wie schwer ihr dieser Abschied gefallen ist.
Denn innerlich war sie noch gar nicht bereit dafür.
Ein neues Zuhause allein reicht manchmal nicht
Eine andere Kundin war bereits 90 Jahre alt, als ihre Kinder bemerkten, dass das große Haus und der Garten für ihre Mutter zunehmend zur Belastung wurden.
Auch dieses Haus wurde verkauft und die Dame zog in eine sehr schöne Seniorenresidenz, etwa 30 Minuten von ihrem bisherigen Zuhause entfernt.
Doch was passierte?
Sie fuhr immer wieder mit dem Auto zurück zu ihrem alten Haus.
Als wir sie fragten, warum sie das machte, wurde ein ganz anderes Problem deutlich. Sinngemäß sagte sie: „Was soll ich denn in der Seniorenresidenz machen? Ich habe dort nichts zu tun.“
Dieser Satz ist mir im Gedächtnis geblieben.
Denn beim Wohnen im Alter geht es eben nicht nur darum, ob eine Wohnung barrierefrei ist, ob es einen Aufzug gibt oder ob Unterstützung vorhanden ist.
Es geht auch um etwas ganz anderes:
Was gibt meinem Leben Inhalt?
Welche Menschen gehören zu meinem Alltag? Welche Aufgaben habe ich? Wo fühle ich mich zu Hause? Was macht mir Freude?
Ein neues Leben braucht Zeit
Genau deshalb finde ich es so wichtig, nicht erst mit 85 oder 90 Jahren darüber nachzudenken, wie man im Alter leben möchte.
Je früher wir uns mit diesem Thema beschäftigen, desto größer ist die Chance, dass wir selbst gestalten können.
Vielleicht bedeutet das, aus einem zu großen Haus in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Vielleicht ist gemeinschaftliches Wohnen interessant. Vielleicht kommt irgendwann eine Seniorenresidenz infrage.
Dabei kann ein neues Wohnumfeld auch neue Möglichkeiten eröffnen.
In vielen Seniorenresidenzen gibt es heute beispielsweise Sprachkurse, Tanzangebote, Ausflüge, Theaterbesuche und viele andere Aktivitäten. Man kann neue Menschen kennenlernen, Freundschaften schließen und vielleicht sogar noch einmal ganz neue Interessen entdecken.
Warum nicht mit 70 Italienisch lernen?
Warum nicht mit 75 ein neues Hobby anfangen?
Warum nicht noch einmal einen ganz neuen Freundeskreis aufbauen?
Das Alter muss nicht bedeuten, dass unser Leben immer kleiner wird.
Es kann auch eine Lebensphase sein, in der wir noch einmal neu aufblühen. 🌿
Die entscheidende Frage lautet: Wie möchte ICH leben?
Natürlich gibt es nicht die eine richtige Wohnform für alle.
Vielleicht möchtest du unbedingt in deinem Haus bleiben. Auch das kann die richtige Entscheidung sein. Dann lohnt es sich aber ebenfalls, frühzeitig darüber nachzudenken, was dafür notwendig ist.
Kann ich mein Zuhause altersgerecht gestalten? Wer könnte mich unterstützen? Wie sieht meine soziale Umgebung aus? Was passiert, wenn ich nicht mehr Auto fahren kann? Welche Alternativen hätte ich?
Es geht mir nicht darum zu sagen: Du musst im Alter aus deinem Haus ausziehen.
Ganz im Gegenteil.
Es geht darum, die eigene Zukunft möglichst lange selbst in der Hand zu behalten.
Denn solange wir fit sind, können wir Möglichkeiten prüfen, Entscheidungen treffen, ein neues Umfeld kennenlernen und uns langsam an Veränderungen gewöhnen.
Wer erst darüber nachdenken muss, wenn eine gesundheitliche Krise eingetreten ist, hat diese Freiheit möglicherweise nicht mehr.
Deshalb möchte ich dich ermutigen:
🌿 Bereite deine Freiheit in deinem neuen Leben ab 60+ gut vor.
Frag dich nicht nur, wo du heute gerne wohnst.
Frag dich auch:
Wie möchte ich in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren leben?
Und vielleicht ist genau heute ein guter Zeitpunkt, damit anzufangen.
🎥 Mein Video zum Thema „Wohnen im Alter“
In meinem aktuellen Video erzähle ich ausführlicher von diesen beiden Erfahrungen und davon, warum sie mich so nachdenklich gemacht haben.
👉 Hier kannst du dir das Video ansehen:
https://youtu.be/IyUShqVBYQI
Ich freue mich auch sehr über deine Meinung: Wie möchtest du im Alter wohnen? Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht oder vielleicht selbst Erfahrungen in deiner Familie gemacht?
Schreib es mir gerne unter das Video in die Kommentare.
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